Den Defekt am Flansch des Tanks hat noch keiner bemerkt. Die Ladung, Methanol, sucht sich ihren Weg nach draußen. Sobald die Flüssigkeit mit Luft in Verbindung kommt, entsteht Methangas. Das giftige Zeug wabert über die Erde. Dann wird Alarm ausgelöst - ein Fall für die Männer und Frauen vom Gefahrengutzug des Landkreises Greiz. Die gesondert geschulten Experten rücken aus den Freiwilligen Wehren Münchenbernsdorf, Ronneburg, Greiz, Zeulenroda, Weida und Hohenleuben an. Zum Glück nur, um den Testfall zu bestehen. Geübt wird am Sonabend auf dem Gelände der Landesfeuerwehr- und Katastrophenschutzschule Bad Köstritz. "Es ist alles gut gelaufen. Wir haben ein paar Ecken und Kanten entdeckt, aber dazu ist eine Übung da", wird Kreisbrandinspektor Stephan Junghans am Ende sagen.
Insgesamt 60 Kameraden im Landkreis sind über zusätzliche Schulungen für die Beseitigung von atomaren, biologischen und chemischen Gefahrstoffen gerüstet. Zwei Mal im Jahr treffen sie sich zum simulierten Einsatz. Ziel ist vor allem, das Zusammenspiel zu üben. Denn in jeder Wehr ist zum Teil unterschiedliche Technik stationiert. Aber auch die Kameraden aus Ronneburg müssen mit dem Gefahrengutwagen der Zeulenrodaer umgehen können.
Im Übungsfall vom Sonnabend hieß das, die lecke Stelle am Kesselwagen abzudichten und die Chemikalie aufzufangen. Vor jedem Einsatz muss zudem ein Teil des Trupps ein Dekontaminationszelt, eine Art Waschanlage für mit Gefahrstoffen belastete Vollschutzanzüge, einrichten. "Sicherheit beim Einsatz steht an oberster Stelle", sagt Junghans, während sich das luftgefüllte Duschzelt aufpumpt.
Wie jede kreisfreie Stadt und jeder Landkeis hält auch Greiz einen Gefahrengutzug vor. Eine teuere Angelegenheit, die sich im Ernstfall auszahlen soll. Zum Glück, sagt Junghans, ist der nur selten. Ein Anthrax-Alarm vor fünf Jahren in Bad Köstritz erwies sich als Mehl, das aus einem kaputten Postpaket quoll. Einen Alarm im Chemiewerk Köstritz Ende vorigen Jahres hatte lediglich ein Blitz ausgelöst. Aber es kommt auch zu ernstzunehmenden Zwischenfällen: Dass Ammoniak in Bädern austritt, kommt immer mal vor, berichten die Kameraden. Beim Silobrand in Niederpöllnitz suchten die Gefahrengut-Fachleute mit Messgeräten für die Ursache der katastrophalen Explosion. Zuletzt räumten die Kameraden mit Chemikalien gefüllte Behälter von einem Containerplatz in Auma. Und vorausschauend wurde die Truppe jetzt mit Desinfektionswannen für PKW und Einweg-Overalls ausgerüstet - falls der Vogelgrippevirus doch noch die hiesige Region erreicht.
Ein internes Kartenwerk verzeichnet die kritischen Punkte im Landkreis, an denen Gefahrgut-Unfälle denkbar sind. Dazu gehören die Chemiewerke in Bad Köstritz und Greiz, das Matratzenwerk in Hohenölsen, das Methylester-Werk in Niederpöllnitz, das Tanklager Lederhose, aber auch Kliniklabore und radiologische Praxen. Der Plan sieht auch die Zusammenarbeit mit dem Gefahrengutzug der Geraer Berufsfeuerwehr vor, vor allem wenn der Einsatzort stadtnah gelegen ist. "Es wäre frevelhaft, wenn die Kameraden aus Zeulenroda nach Köstritz kämen und die Geraer Feuerwehr aus dem Fenster zuschaut", sagt Junghans.
Bei einem großen Schadensereigniss müsste der Gefahrengutzug komplett ausrücken, 40 Mann wären dann im Einsatz. 60 eigens trainierte Kameraden gibt es. Rein rechnerisch müsste die Reserve größer sein, weiß man im Landratsamt. Am Sonnabend beweisen die Kameraden ihre Einsatzbereitschaft, 50 haben sich den Tag für die Übung freigehalten. Ein richtiger Schadensfall-Einsatz ist langwierig und mit einem hohen Kräfteeinsatz verbunden, sagt Junghans. "Man wünscht sich, dass er nie passiert, aber wir müssen darauf vorbereitet sein."
Ein Bericht von Katrin Wiesner aus der Onlineausgabe der OTZ; Ausgabe 2006-04-23.













